Gramsci und Geschlecht :: Anschlusspunkte für feministische Gesellschafts- und Staatstheorie
Gundula Ludwig
I. Gramscis Erweiterung des Staates zum „integralen Staat“:
- Der Staat als gesellschaftliches Verhältnis bedeutet auch, dass Geschlechterverhältnisse in den Staat eingelagert sind.
- Auch Geschlechterverhältnisse werden über Hegemonie und innerhalb der Zivilgesellschaft organisiert und reproduziert. Dabei nimmt die Grenzziehung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit eine zentrale Rolle ein.
- Hegemonie kann nicht als Top-Down-Mechanismus von Führung verstanden werden, sondern vielmehr als umkämpftes Terrain. Hegemonie ist daher „das Umkämpfte und das Medium des Kampfes“ (W.F. Haug 1985: 174). Auch Zugeständnisse und Kompromisse gehen daher in staatliche Politiken ein (s. z.B. Gender Mainstreaming als „passive Revolution“)
- Allerdings hält Gramsci fest, dass der Prozess der Kompromissfindung nicht für alle gesellschaftlichen Interessen und Anliegen gleich offen ist. Der Staat ist vielmehr durch eine unterschiedliche Durchlässigkeit für die Interessen bestimmter sozialer Gruppen strukturiert. Bob Jessop hat diesen Gedanken weiter ausgearbeitet und spricht vom Staat als Feld strategischer Selektivität (Jessop 1994). Aus einer feministischen Perspektive bedeutet das, dass aufgrund der in die Materialität des Staates eingelagerte Maskulinität Zugänge für Belange, die als „weiblich“ konnotiert gelten mit geringerer Priorität verhandelt als jene, die als „männlich“ gelten. Neben dieser geschlechtsspezifischen strukturellen Selektivität ist der Staat auch durch eine heteronormative Selektivität gekennzeichnet, da für nicht-heteronormative Lebensweisen und politische Forderungen der Staat ebenso strukturell selektiv ist.
II. Alltagsverstand
- Durch die Bedeutung, die Gramsci den Ideologien für die Schaffung und Aufrechterhaltung von Hegemonie zuschreibt, erlangt der „Alltagsverstand“ der Subjekte eine wesentliche Stellung. Dadurch erweitert Gramsci das Terrain, auf dem der Staat seine Wirkmächtigkeit entfaltet, da auch alltägliche Denkweisen, Praxen und die Lebensführung der Subjekte als staatstheoretisches Feld gefasst werden.
- Der Staat als Erzieher stellt Normen und Wissensformen bereit und ist bestrebt, „bestimmte Gewohnheiten und Verhaltensweisen zum Verschwinden zu bringen und andere zu verbreiten“ (H13, §11: 1548) sowie „auch physisch neue Menschheitstypen herauszuarbeiten“ (H13, §7: 1544). Über die Übernahme von – durch den integralen Staat vermittelten – Normen in den Alltagsverstand erlangen die Subjekte erst gesellschaftliche Handlungsfähigkeit und Intelligibilität. Da die historisch-gesellschaftlichen Weltauffassungen im Alltagsverstand die Formen bereitstellen, in denen die Subjekte sich selbst und ihre Umwelt imaginieren und danach handeln, wird die Übernahme des Ideologischen in den Alltagsverstand Voraussetzung und Mittel für die Ausbildung gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit. Der Staat wird so zu dem Terrain, der bestimmte Praktiken und Wissensformen bereitstellt, in denen sich die Individuen als Subjekte (wieder)erkennen können.
- Die „erzieherische Dimension“ des Staates lässt den Alltagsverstand zur Schnittstelle von Hegemonie und Subjektivierung werden, da die Subjekte ihre Vorstellungen und Lebensführung in der Hegemonie ausrichten. Im Anschluss an Marx begreift Gramsci das menschliche Wesen als „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ (H 8, §151: 1027, vgl. dazu Marx´ 6. Feuerbachthese, MEW 3: 6), dessen Handlungsfähigkeit erst durch gesellschaftliche Interaktionen sich entwickelt. Ideologische Formen und Inhalte sind Mittel der Vergesellschaftung, wobei Gramsci in diesem Prozess die Bedeutung der Zustimmung zu diesen im Alltagsverstand und alltäglichem Handeln, worin sie sich materialisieren, hervorhebt. Ideologien werden als Denk-, Fühl-, und Wahrnehmungsform verinnerlicht, die bestimmte materielle Praxen nach sich ziehen.
- Subjektivität wird so als durch den Staat vermitteltes gesellschaftliches Verhältnis theoretisierbar (Ludwig 2007). Darüber hinaus eröffnet Gramsci – auch über Marx hinausgehend – mit dem Konzept des integralen Staates und der Hegemonietheorie die Möglichkeit, die Rolle des Staates dabei auszudifferenzieren, indem er argumentiert, dass „jeder Staat bestrebt ist, einen bestimmten Typus von Zivilisation und von Staatsbürger (und damit des Zusammenlebens und der individuellen Beziehungen) zu schaffen und zu erhalten, bestimmte Gewohnheiten und Verhaltensweisen zum Verschwinden zu bringen und andere zu verbreiten“ (H13, §11: 1548).
- In seiner Auseinandersetzung mit dem integralen Staat und der Herausbildung eines „bestimmten Menschentypus“ schreibt Gramsci, dass in dem Prozess der Subjektivierung immer auch eine Selbsttätigkeit der Individuen enthalten ist und dass staatliche Führung daher nicht als Aufzwingen kultureller und ideologischer Normen gefasst ist.
2.1. Integraler Staat und vergeschlechtlichte Subjektivierung:
Subjektivität ist bei Gramsci nicht als vergeschlechtlicht theoretisiert. Aus einer feministischen Perspektive können seine Ausführungen wie folgt erweitert werden:
- Gramsci schreibt, dass es der herrschenden Klasse nur gelingen kann, ihre hegemoniale Position aufrechtzuerhalten, wenn sie durch Ideologien der Zustimmung der Beherrschten habhaft wird. Da die Übernahme der ideologischen Normen und „Weltauffassungen“ (als Medium von gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit) die Basis ihres alltäglichen Handelns, Denkens und Fühlens darstellt, wird dadurch die Ausbildung von Subjektivität erst möglich, bzw. durch sie ermöglicht: Indem ich mich orientiere und richte subjektiviere ich mich. Auf die Geschlechterverhältnisse übertragen, bedeutet das, dass diese ebenso zentral über die Übernahme staatlicher vergeschlechtlichter Zuschreibungen reguliert werden.
- Wenn wir Geschlechterverhältnisse als „fundamentale Regelungsverhältnisse in allen Gesellschaftsformationen“ (Haug 2001) begreifen, dann wird aus einem feministisch-hegemonietheoretischen Blick die staatliche Hervorbringung bestimmter vergeschlechtlichter Subjektformen und deren Integration in den Alltagsverstand der Subjekte die Voraussetzung, dass eine historisch-spezifische Ordnung der Geschlechterverhältnisse möglich ist. Geschlecht respektive „weibliche“ oder „männliche“ Subjektivität wird so als Denk-, Fühl-, und Wahrnehmungsform analysierbar, die aus bestimmten materiellen Praxen resultiert und sie nach sich zieht.
3. Produktionsweise, Lebensweise und Geschlecht
- In seiner Kritik am Ökonomismus schlägt Gramsci vor, Produktions- und Lebensweise zusammen zu denken. Jede Produktionsweise setzt eine bestimmte Lebensweise der Subjekte im Einzelnen und Kollektiven voraus und zugleich bedingt sie diese. Mit dem Begriff Lebensweise (H4, §52: 529ff.) zielt Gramsci darauf ab, zu verdeutlichen, dass die Produktionsweise nicht am Betriebstor Halt macht, Einfluss auf die arbeitenden Subjekte zu nehmen, sondern dass es insgesamt um eine bestimmte Ausgestaltung der alltäglichen Praxen, der Moral, der Gewohnheiten geht, die die Reproduktion der kapitalistischen Produktionsweise erst ermöglichen. Erst wenn die Subjekte hegemonialen Vorstellungen eines „guten Lebens“ zustimmen und gemäß dieser gesellschaftlichen Idealvorstellungen eine bestimmte Art zu denken und leben verfolgen, kann sich auch die Produktionsweise reproduzieren. Dies zeigt Gramsci insbesonders in seiner Analyse des Fordismus auf (Heft 22)
- Aus Gramscis Analyse, dass das Gelingen des fordistischen Produktionsmodells eine bestimmte Ausgestaltung der Geschlechterverhältnisse voraus setzt, lässt sich entnehmen, dass die Organisation gesamtgesellschaftlicher Aufgaben – wie der Reproduktionsarbeit über eine bestimmte Anordnung der Geschlechter geregelt wird. Die „Produktion“ von vergeschlechtlichter Subjektivität hängt mit der Ausgestaltung gesellschaftlicher Arbeitsteilung und damit mit der Organisation der Reproduktion einer bestimmten Gesellschaftsformation insgesamt zusammen. Auf diese Weise kann die Konstruktion von Geschlecht mit dem Staat und der Produktionsweise zusammen gedacht werden, da die Ausgestaltung von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“, die innerhalb der Zivilgesellschaft organisiert und in alltäglichen Praxen reproduziert wird, zur Voraussetzung wird, dass sich eine bestimmte Formation der Geschlechterverhältnisse historisch durchsetzen lässt. In Gramscis Hegemonietheorie lässt sich somit ein Instrumentarium finden, um das Zusammenspiel von Staat, kapitalistischen Produktionsverhältnissen und bürgerlichem Patriarchat zu theoretisieren, da für Gramsci die Reproduktion der ökonomischen Verhältnisse an die Herausbildung einer historisch-spezifischen Subjektivität gebunden ist, die in einer Gesellschaft, die fundamental durch Geschlechterverhältnisse organisiert ist, vergeschlechtlich ist.
Literatur:
- Gramsci, Antonio (1991-2002): Gefängnishefte. Kritische Gesamtausgabe, 10 Bde., Hg. v. K. Bochmann, W. F. Haug und P. Jehle, Hamburg: Argument.
- Haug, Frigga (2001): Zur Theorie der Geschlechterverhältnisse. In: Das Argument 243, 761-787.
- Haug, Wolfgang Fritz (1985): Pluraler Marxismus. Beiträge zur politischen Kultur. West-Berlin: Argument.
- Jessop, Bob (1994): Veränderte Staatlichkeit. Veränderungen von Staatlichkeit und Staatsprojekten. In: Grimm, Dieter (Hg.): Staatsaufgaben, Baden-Baden: Nomos, S. 43-73.
- Ludwig, Gundula (2007) Gramscis Hegemonietheorie und die staatliche Produktion von vergeschlechtlichter Subjekten. In: Das Argument 270, 196-205.
- Marx, Karl (1972): Thesen über Feuerbach. In: MEW Marx-Engels-Werke, Bd. 3. Berlin: Dietz.