Bildung:Erziehung:Emanzipation
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Die aktuelle Bildungsdebatte ist maßgeblich durch die europaweiten Umstrukturierungen des Hochschulwesens (Bologna-Prozess), verschärften Wettbewerb unter den Bildungsinstitutionen und Aufrufe zum „Lebenslangen Lernen“ geprägt. Das gramscianische Verständnis von Bildung und Erziehung kann zu einer Analyse dieser Umbrüche im Bildungssystem beitragen und zugleich emanzipatorische Perspektiven eröffnen.
Gramsci beschäftigt sich einerseits mit konkreten bildungspolitischen und pädagogischen Fragestellungen – so entwirft er ein Modell einer „Einheitsschule“ und engagiert sich für die Bildung der ArbeiterInnenklasse. Zugleich umfassen die Begriffe Erziehung und Bildung bei Gramsci mehr, als damit im Alltag verbunden wird. Staatliche und zivilgesellschaftliche Initiativen, die soziale Vermittlung von ideologischen Formen oder politische Führung können ebenfalls auf ihre erzieherische Funktion hin untersucht werden. Damit zeigt sich die Rolle der Erziehung bei der Aufrechterhaltung bürgerlicher Herrschaft. Hegemonie wird als pädagogisches Verhältnis, als ihrer Struktur nach erzieherisch, bestimmt.
Dieses weite Verständnis von Bildung und Erziehung verweist zudem auf eine Richtung, die eine emanzipatorische, „gegenhegemoniale“ Strategie einschlagen könnte. Bildung verstanden als Selbstemanzipation und Erziehung zur politischen Handlungsfähigkeit ist auch ein wesentliches Moment möglicher gesellschaftlicher Veränderung.
In der Arbeitsgruppe wollen wir uns mit der Frage beschäftigen, inwiefern Gramscis bildungspolitische Überlegungen und sein Modell einer „Einheitsschule“ für Kritische Erziehungswissenschaften oder konkrete Schulpolitik interessant sein können. Außerdem soll erörtert werden, wie das gramscianische Analyseinstrumentarium zum Verständnis gegenwärtiger Umbrüche des Bildungswesens (vor dem Hintergrund neoliberaler Umstrukturierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen) genutzt werden kann.
Mit Blick auf das von Gramsci entwickelte, weite, gesellschaftspolitische Verständnis von Pädagogik und auf die erzieherische Vermittlung von Hegemonie, können wir des Weiteren thematisieren, inwieweit Medien, Vereine, Parteien oder Familie erzieherisch auf Verhaltens- und Lebensweisen sowie auf den Alltagsverstand wirken. Nicht zuletzt soll diskutiert werden, welche Form gegenhegemoniale Projekte, die auf eine Transformation pädagogischer Verhältnisse in Richtung einer Stärkung selbstemanzipatorischer Potentiale abzielen, annehmen und wo diese anknüpfen könnten.
Weiterführende Literatur
- Merkens, Andreas (2006): Hegemonie und Gegen-Hegemonie als pädagogisches Verhältnis
- Bernhard, Armin (2006): Antonio Gramscis Verständnis von Bildung und Erziehung in: UTOPIE kreativ, H. 183 (Januar 2006), S. 10-22
- Bernhard, Armin (2005): Antonio Gramscis Politisch Pädagogik, Hamburg
- Merkens, Andreas (2004): Antonio Gramsci; Erziehung und Bildung, Hamburg
- Plehwe, Dieter/Walpen, Bernhard (1999): Wissenschaftliche und wissenschaftspolitische Produktionsweisen im Neoliberalismus. Beiträge der Mont Pélerin Society und marktradikaler Think Tanks zur Hegemoniegewinnung und -erhaltung, in: PROKLA, 115, S. 203-235